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Wirtschaftsmacht Erbschleicherei

Der Schlagerstar Heino hat während seiner Karriere viel Vermögen gebildet. Er wollte, dass der Grossteil seines Erbes an ein Paar gehe, das sich um den Haushalt und Betreuung von ihm und seiner Frau kümmerte.

Follow the money: 400 Milliarden Erbvermögen weckt kriminelle Energie

Der Schlagerstar Heino hat während seiner Karriere viel Vermögen gebildet.  Er wollte, dass der Grossteil seines Erbes an ein Paar gehe, das sich um den Haushalt und Betreuung von ihm und seiner Frau kümmerte.  Das angestellte Paar bemühte sich um alle Belange und bekam immer mehr privaten Einfluss auf das Leben von Heino und seiner Frau Hannelore. Er bedachte das Hausangestelltenpaar grosszügig in seinem Testament und war nicht abgeneigt diese zu adoptieren. Damit wollte er sich die emotionale Bezogenheit sichern.

Die Dynamik entwickelte sich anders.

Heinos Frau Hannelore und das Umfeld fühlten sich bedrängt durch die «erzwungene « Nähe und Einfluss der Angestellten. Sie unterstellten der Haushälterin, dass diese die Alterssituation ausnützen will und durch die Testamentsberücksichtigung und Adoption emotional und finanziell Einfluss auf das Familiengeschehen nehmen will.

Heino änderte sein Testament und liess das Hausangestelltenpaar leer ausgehen.

Ein interessanter Fall:

Oft wird nach dem Tode des Erblassers die Familie vor die Tatsache gestellt, dass der Verstorbene kurz vor seinem Tode die lebenslange Nachlassplanung verändert hat.

Es wiederholt sich dabei ein Muster: Der professionelle Helfer wird zum privaten Vertrauten mit viel Einfluss. Der alte Mensch, oft einsam und abhängig von Hilfestellungen, ist dankbar für den neuen Vertrauten, der sich um alles kümmert. Die Mischung aus Hilfe, Dankbarkeit und Druck, auch die Angst den «Helfer» zu verlieren macht den Senior beeinflussbar, sein Testament umzuschreiben.

Erbschleicherei ist ein Markt geworden:  Das Erbvolumen bewegt sich bis zu 400 Milliarden Euro pro Jahr und macht das potentielle Betrugsfeld gross. Ein grosser Teil des Nachlassvermögen sind Immobilien, Aktien und Wertgegenstände.

Der alte Mensch ist oft angewiesen auf die Hilfe Dritter.  So kann ein entfernter Verwandter, der Steuerberater, Wirtschaftsprüfer, Anwalt, Berater etc. zur engsten Bezugsperson im Leben des Seniors werden und Einsicht und gezielt Einfluss auf die Vermögenssituation nehmen.

Die Gier macht erfinderisch und schafft Möglichkeiten zum Erbbetrug vorbei an Familie und bedachten Freunden. Dieser Prozess ist schleichend:

  • Aufbau der Vertrauensbeziehung bis zur emotionalen Abhängigkeit
  • Isolation des Umfeldes (Familie und Freunde)
  • Druckaufbau die emotionale Beziehung zu honorieren -Nachlassänderung und finanzieller Ausgleich als «verpflichtende Dankbarkeit « für die Hilfe und Bezogenheit.
  • Die Kombination von Vertrautheit und Druck werden zur Waffe.  Der alte Mensch ist oft diesem Treiben nicht gewachsen und fürchtet den Beziehungsverlust.

Erbschleicherei ist als solches kein Strafbestand. Geschädigte Verwandte müssen die manipulative Einflussnahme auf den Nachlass belegen können. Erst ein strafrechtliches Vergehen wie Urkundenfälschung, Testamentsunterdrückung etc. bringt den Staatsanwalt zum Ermitteln.

Der Erbschleicher hat meist über eine längere Zeit seinen Plan vorbereitet und alle Möglichkeiten ausgenutzt seinen « Nachlasscoup» zu inszenieren.

Das Umfeld ist isoliert und hat keinen Einblick in das Geschehen. Der Erbschleicher tritt mit dem Narrativ des Vertrauten des Verstorbenen und Umsetzer des letzten Willens auf und manipuliert Moral und Ethik zu seinem Nutzen.  Verheerend ist, wenn er zugleich als Testamentsvollstrecker eingesetzt wurde.  Dies ist ein Freibrief für Intransparenz und unkontrollierte Nachlassabwicklung und  kann zum System von Abzocke und Eigennutz werden.

(Erbschleicherei ist weder männlich noch weiblich, der Einfachheit halber hier männlich)

Über die Autorin

Die Autorin Gabrielle Rütschi hat zum Thema Erben und Erbschleicherei ein Buch veröffentlicht. „Erben – Büchse der Pandora“ beschreibt, wie die Fassade der „heilen“ Familie beim Erben bröckeln kann und sich der Familienschatten zeigt. Das Buch kann online und über den Buchhandel erworben werden.


Haben auch Sie Erfahrungen mit Erbschleicherei gemacht? Dann sind Sie herzlich eingeladen, Ihre Erfahrungen mit uns zu teilen oder hier im Blog zu veröffentlichen. E-Mail kontakt (at) erben.blog

Von Gabrielle Rütschi

Gabrielle Rütschi ist systematische Psychologin und Therapeutin. Als Lehrtherapeutin und Supervisorin leitete sie Ausbildungsgruppen im In- und Ausland. In ihrer therapeutischen Arbeit interessiert sie vor allem der Einfluss von Vergangenheit auf die Gegenwart eines Individuums und die Bedeutung des gesellschaftspolitischen Zeitgeistes und Wertewandel auf die Persönlichkeitsentwicklung. Sie lebt in Zürich und ist Mutter von zwei erwachsenen Söhnen.

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